Leberwurststulle

Zu DDR-Zeiten gab es folgenden Witz: Zwei Schüler sind auf dem Schulhof. Der eine öffnet seine Tasche, nimmt seine Stullen raus und wirft sie weg. Worauf der andere fragt: „Warum wirfst du sie weg, du weißt ja noch gar nicht, was drauf ist.“ Der erste Schüler antwortet: „Leberwurst. Ich habe sie ja selber gemacht.“

Dieser Witz ist mir bei der Lektüre von „Adrenalin Junkies und Formular Zombies“ von Tom DeMarco und Co eingefallen, als ich mich gefragt habe, welche Verhaltensmuster ich selber kenne, die aufgeschrieben werden sollten.

Leberwurststullen gibt es dann, wenn die Entwickler in einer Firma niemals mit dem eigenen Produkt arbeiten würden und sich wundern, daß andere es tun. Ein Beispiel hierfür war mein rumänischer Kollege Florian, der sich immer geweigert hatte Online-Banking-Systeme zu benutzen. Auf unsere Nachfrage wieso meinte er nur, daß er in einem Team zur Entwicklung von Online-Banking-Systemen gewesen wäre und wüßte wie diese geschrieben würden. So etwas macht einen dann immer sprachlos. Nach Leberwurst riecht es auch, wenn ein Team mit einer selbstentwickelten Software arbeitet, die es selber für schlecht und unausgereift hält, es aber für Kundenprojekte einsetzt.

Diese beiden Varianten haben den gleichen Ursprung, wenn auch unterschiedliche Auswirkungen. In beiden Fällen haben alle Beteiligten das bewußte oder unbewußte Gefühl, daß etwas mit der Software die entwickelt wird oder dem Softwareentwicklungsprozess nicht stimmt. Daher können sie kein inneres Vertrauen zu ihrem Produkt entwickeln, nutzen es selber nicht und es bildet sich teilweise eine leicht zynische Haltung gegenüber dem Produkt. Das ist vergleichbar mit Bankern, die bei vollem Bewußtsein Kredite an nicht zahlungsfähige Häuslebauer vergeben und uns so die aktuelle Finanzkrise beschert haben.

In unserem Falle sind aber nicht die Entwickler daran schuld. Vielmehr fehlen in solchen Firmen zwei Dinge: Zum einen eine offene Kultur der konstruktiven Kritik und zum anderen ein Bewußtsein für Qualität. Eigentlich schade, den Qualität ist eigentlich gar nicht so teuer, denn auch wenn immer mit Aufwänden argumentiert wird, entsteht Qualität in aller erster Linie durch den Willen dazu.

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